Modell zur Analyse von Raumkonstitutionen in grenzüberschreitenden Bezügen

Abbildung Räume der Grenze

Das Modell „Räume der Grenze“ stellt eine an raum- und praxistheoretischen Überlegungen orientierte Systematik von heuristischen Kategorien bereit, die Frageperspektiven eröffnen für die Analyse von subjektzentrierten Raumproduktionen in grenzüberschreitenden Bezügen. „Räume der Grenze“ sind nicht als absolut-substantialistische Behälter zu denken, vielmehr handelt es sich um prozesshafte und relationale Räume von grenzüberschreitenden Praktiken und Beziehungen. Sie repräsentieren keine flüchtigen Übergangszonen, sondern Orte kreativer kultureller Produktion.

Als heuristischer Bezugsrahmen lassen sich „Räume der Grenze“ aufschlüsseln in die Kategorien soziale Praktiken, praktisches Wissen sowie sozial-strukturelle und physisch-materielle Aspekte. Das Modell fokussiert auf Subjektpositionen und wendet sich ab von statisch gedachten kulturellen Wissensordnungen und containerartigen Raumvorstellungen zugunsten tatsächlich praktizierter Lebenswelten in ihren materialen und sinnhaften Dimensionen.

Der Ansatz basiert auf der in den Humanwissenschaften vollzogenen Aufwertung von Sinn und Materialität und ist geeignet für die kulturwissenschaftliche Raumforschung. Er ist übertragbar auf eine Reihe subjekt- und raumzentrierter Fragestellungen, die sich von Kultur als ‚ordentlich praktizierter’ Werte- und Normenkomplex lösen und die Kontingenz sozialer Praktiken mit ihren räumlichen Bezügen in den Blick nehmen.

Anwendungsperspektiven

Das Modell „Räume der Grenze“ beschränkt sich nicht auf grenzüberschreitende Sozialzusammenhänge im Kontext von grenzüberschreitenden Arbeiten, Einkaufen oder Freizeitgestaltung. Es schließt generell Phänomene ein, die mit Grenzüberschreitungen und zirkulärer physischer sowie mehr oder weniger regelmäßiger Mobilität in Verbindung gebracht werden können. Dafür idealtypisch stehen grenzüberschreitend pendelnde Arbeitnehmer (Grenzgänger), deren sozialen Praktiken und Praktikenkomplexe in ihren jeweiligen sinnhaften und materialen Dimensionen sowie in ihren multilokalen Strukturen untersucht werden können: die Fahrt an den Arbeitsplatz, Zusammenarbeit mit Kollegen, fremdsprachliche Kommunikation, Alltagspraktiken, Vergemeinschaftungspraktiken u.v.m. (vgl. z.B. Wille 2013, 2012). Ebenso aber – und damit eröffnet sich ein weiteres Anwendungsfeld – lässt sich das heuristische Modell auf ähnliche grenzüberschreitende Mobilitätsformen in ‚großräumigen’ Zusammenhängen übertragen. Denn das Modell bietet auch geeignete Anknüpfungspunkte für die Untersuchung grenzüberschreitender Lebenswelten, wie sie z.B. grenzüberschreitende Saisonarbeiter, Jobnomaden, Angehörige von Jetset-Milieus – kurz: transnationale Lebensformen – hervorbringen.

Die analytischen Kategorien des Modells sind auf vielfältige Weise miteinander verwoben und wirken im Vollzugsgeschehen zusammen. Ihre separate Betrachtung aber eröffnet fokussierte Frageperspektiven und hilfreiche Zugänge für die Analyse von „Räumen der Grenze“. So können die an sozialen Praktiken beteiligten Artefakte und Körper – als physisch-materiale Aspekte – hinsichtlich ihrer Anordnungen befragt werden. Die darüber bestimmbar werdenden Räume können sich über territoriale Grenzen hinweg aufspannen und spiegeln die aufeinander bezogenen Vollzüge grenzüberschreitender Praktiken in ihrer räumlichen Strukturiertheit zurück. Daneben können Artefakte und Körper unter dem performativen Aspekt untersucht werden, womit Fragen nach der Inter-Subjektivität und Inter-Objektivität sowie die damit verbundenen Fragen nach den in grenzüberschreitenden Zusammenhängen hervorgebrachten Bedeutungen und sozialen (Un-)Ordnungen in den Blick kommen. Diese können weiter unter dem Aspekt der Re-Flexion dahingehend befragt werden, inwiefern politische, ökonomische, kulturelle oder soziale Effekte grenzüberschreitende Praktiken beeinflussen bzw. inwiefern letztere auf die sozial-strukturellen Aspekte rück- bzw. einwirken. Die Liste der möglichen Frageperspektiven für analytische Zugriffe auf „Räume der Grenze“ ließe sich weiter fortsetzen, je nach Untersuchungsgegenstand ist sie aber spezifisch auszubuchstabieren.

Methodologische Überlegungen

Aus methodologischer Sicht ist auf die Schlüsselkategorie der sozialen Praktik in ihrer Relationalität zu verweisen, d.h. auf ihre Bezüge und Verweise auf andere Praktiken, die – bezogen auf einen bestimmten Untersuchungsgegenstand – einen räumlich strukturierten Praktikenkomplex bilden. Für die Untersuchung solcher Cluster von Praktiken schlägt Schmidt (2012: 256) Verfahren vor, „die die verschiedenen Kontexte der Beobachtungsgegenstände abschreiten und den Verkettungen von Praktiken über ihre verschiedenen Orte hinweg folgen.“ Dieses als transsituative Beobachtung bezeichnete Vorgehen erschließe seine Gegenstände über die verschiedenen Orte und Schauplätze, kartografiere die Terrains und folge den Objekten und Subjekten in ihren Bewegungen (vgl. ebd.: 255). Dabei bleiben stets die unmittelbaren Vollzüge von Praktiken (mit ihren Verweisen auf andere Praktiken) die kleinste Analyseeinheit, die dem Forscher aber nur mittelbar zugänglich ist. Dies soll dafür sensibilisieren, dass die Untersuchung von „Räumen der Grenze“ darauf angewiesen ist, weitgehend mit Informationen über die Praktiken bzw. über ihre analytischen Kategorien zu arbeiten.

Gegenwärtige Praktiken sind zwar über die präsente und beobachtbare Materialität der Körper und Artefakte direkt erschließbar, jedoch bleiben Sinndeutungen über die visuelle oder auditive Artikulation/Wahrnehmung verborgen. Sie gilt es indirekt zu ermitteln, „das heißt, aus expliziten Äußerungen, Handlungen, Umgangsweisen mit Dingen usw. muss auf die impliziten Schemata rückgeschlossen werden“ (Reckwitz 2008: 196). Das qualitative Interview als Methode scheint z.B. geeignet, um Sinndeutungen sprachlich verfasst offenzulegen; mentale Landkarten helfen Sinndeutungen visuell verfasst zu erheben.

Bei vergangenen Praktiken spitzt sich das Problem des Zugriffs auf Praktiken in situ weiter zu: Die Materialität der an Praktiken beteiligten Körper und Artefakte ist hier nicht unmittelbar nachzuvollziehen, obgleich eine medial vermittelte Beobachtung (z.B. über Film, Fotografie) möglich ist. Auch Sinndeutungen können wieder nur mittelbar erfasst werden (z.B. über Zeitzeugeninterviews); hier können textanalytische Verfahren Abhilfe schaffen, wenn etwa schriftliche Praxisbeschreibungen oder Egodokumente (z.B. Briefe, Tagebücher) auf das ‚in ihnen enthaltene’ praktische Wissen und die räumlichen Verhältnisse befragt werden.

Die Untersuchung von „Räumen der Grenze“ in den jeweiligen empirischen Gegenstandsbereichen fördert vermutlich spezifische Aspekte zu Tage, die mit dem vorgelegten Modell nur angerissen oder nicht behandelt werden. So berücksichtigt die Heuristik bspw. (noch) keine explizit machtbezogenen Fragestellungen, d.h. keine Perspektive „auf Handeln gerichtetes Handeln“ (Foucault 2005: 256) und damit keine politische Perspektive auf „Räume der Grenze“. Das Modell versteht sich aber im Sinne eines Bezugsrahmens hinreichend offen und anschlussfähig für ergänzende Erkenntnisinteressen und feinkörnigere analytische Bausteine aus dem Umfeld der cultural studies.

Verwendete Literatur

Foucault, Michel (2005): Subjekt und Macht. In: Foucault, Michel: Analytik der Macht. Frankfurt/M., 240-263.

Reckwitz, Andreas (2008): Praktiken und Diskurse. Eine sozialtheoretische und methodologische Relation. In: Kalthoff, Herbert/Hirschauer, Stefan/Lindemann, Gesa (Hg.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung. Frankfurt/M., Suhrkamp, 188-209.

Schmidt, Robert (2012): Soziologie der Praktiken. Konzeptionelle Studien und empirische Analysen. Frankfurt/M.

Wille, Christian (2014): Räume der Grenze. Eine praxistheoretische Perspektive in den kulturwissenschaftlichen Border Studies. In: Elias, Friederike/Franz, Albrecht/Murmann, Henning/Weiser, Ulrich Wilhelm (Hg.): Praxeologie. Beiträge zur interdisziplinären Reichweite praxistheoretischer Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Berlin, De Gruyter, 53-72.

Wille, Christian (2014): Espaces de frontière. Penser et analyser la frontière en tant qu’espace. Vortrag im Rahmen der 14ème conférence internationale BRIT (Border Regions In Transition) „La frontière, source d’innovation”, Université d’Artois, Université de Lille 1, Université Catholique de Louvain (Belgique/France).

Wille, Christian (2013): Zur Persistenz und Informalität von Räumen der Grenze. Theoretisch-konzeptionelle Überlegungen und empirische Befunde. In: Itinera – Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte 34, 99-112.

Wille, Christian (2012): Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux. Frankfurt/M., Peter Lang.