Das Projekt 2016-2017

Über 300.000 Grenzgänger arbeiten in der Schweiz – das sind etwa 86.000 mehr als in der Großregion. Eine umfassende Analyse des Phänomens in der Alpenrepublik muss allerdings über sozioökonomische Betrachtungen des Arbeitsmarkts hinausgehen und die vielfältigen Mobilitätstypen berücksichtigen.

In dieser erweiterten Perspektive untersuchen Wissenschaftler der Universitäten Basel, Luxemburg und der Hochschule für soziale Arbeit Genf das Grenzgängerwesen in der Schweiz. Das schweizerisch-luxemburgische Forschungsprojekt „Zur Situation der Grenzgänger in der Schweiz. Merkmale – Typen – Diskurse“ (2016-2017) untergliedert sich in drei Themenschwerpunkte:

  • (1) Soziodemographische Merkmale und zentrale Entwicklungen: Analyse von statistischen Informationen zur Charakterisierung des Grenzgängerwesens
  • (2) Differenzierung des Grenzgängerwesens: Analyse von quantitativen und qualitativen Informationen zur Bildung von Typen
  • (3) Wahrnehmung des Grenzgängerwesens: Analyse von Expertendiskursen zur qualitativen Rekonstruktion von gesellschaftlichen Wahrnehmungsmustern

Die Studie gibt Einblicke in transnationale (räumliche) Lebens- und Arbeitszusammenhänge im schweizerischen Grenzgebiet und deckt gesellschaftliche Wahrnehmungen des Grenzgängerwesens auf.

Beteiligte Wissenschaftler:
Dr. Cédric Duchêne-Lacroix (Universität Basel)
Dr. Christian Wille, Isabelle Pigeron-Piroth, PD Dr. Malte Helfer (Universität Luxemburg)
Dr. Claudio Bolzman (Hochschule für soziale Arbeit Genf)


Deutsch-schweizerisches Grenzgebiet

Das Gebiet an der deutsch-schweizerischen Grenze ist von zahlreichen Austauschprozessen zwischen beiden Ländern geprägt. Neben wirtschaftlichen Verflechtungen – die sich im 20. Jh. vor allem in der Ansiedlung von Schweizer Unternehmen in Südbaden und seit den 1990er Jahren wieder verstärkt in der Ansiedlung von deutschen Unternehmen in der Schweiz zeigen – handelt es sich dabei um das grenzüberschreitende Arbeitspendeln, grenzüberschreitende Wohnmigration und das grenzüberschreitende Einkaufsverhalten.

Arbeitsmarkt

So weist die zuständige Stelle EURES-T Oberrhein im Jahr 2012 für den Badener Raum insgesamt 33.700 Personen aus, die in der benachbarten Schweiz als Grenzgänger arbeiten. Drei Jahr später (2015) zählen laut der zuständigen Wirtschaftsförderungsgesellschaft allein die grenznahen Landkreise Waldshut (21.352) und Lörrach (14.887) zusammen über 35.000 Arbeitnehmer mit Arbeitsort in der Schweiz. Sie arbeiten vor allem in den angrenzenden Kantonen, wobei die Grenzgänger aus dem Landkreis Lörrach eher nach Basel-Stadt und Basel-Land pendeln und die Grenzgänger aus Waldshut eher in die Kantone Aargau und Zürich. Aus der Schweiz kommen täglich über 600 Personen ins benachbarte Baden an ihren Arbeitsplatz.

Die im Februar 2014 von den Schweizern angenommene Masseneinwanderungsinitiative (50,3% Zustimmung) sieht zwar die Begrenzung der in die Eidgenossenschaft einpendelnden Grenzgänger vor, ihre Zahl wächst aber aufgrund der Arbeitskräftenachfrage und attraktiven Einkommensmöglichkeiten ungebrochen weiter. Neben einer starken Kaufkraft ihrer Einwohner macht sich diese Entwicklung an den Wohnorten auch über die Entlastung der lokalen Arbeitsmärkte bemerkbar. So gehen die Arbeitsagenturen der Landkreise Waldshut und Lörrach aufgrund der Beschäftigungsmöglichkeiten in der Schweiz von einer Reduzierung der Arbeitslosenzahlen um ein Prozent aus.

Wohnmigration

Beliebte Wohnorte der Grenzgänger aus den grenznahen Landkreisen sind die Städte Lörrach, Rheinfelden, Weil am Rhein (Landkreis Lörrach) und Waldshut-Tiengen, Bad Säckingen und Laufenburg (Landkreis Waldshut). Aufgrund des generellen Anwachsens des Pendleraufkommens in Deutschland sowie der geographischen Nähe zum Arbeitsland, die wiederum kurzen Anfahrtswege ermöglicht, ist in den genannten Städten sowie weiteren grenznahen Kleinstädten der Grundstücks- und Immobilienmarkt erheblich unter Druck geraten. Der Anstieg der Miet- und Immobilienpreise wird zusätzlich befördert durch Personen aus der Schweiz, die das Wohnen im benachbarten Deutschland aufgrund des für sie attraktiven Preisniveaus bevorzugen.

Zu erwähnen ist allerdings, dass die Zahl der sich im benachbarten Deutschland ansiedelnden Schweizer überschaubar bleibt: So lebten bspw. im Jahr 2014 in der bevölkerungsreichsten Stadt im deutsch-schweizerischen Grenzraum, Konstanz, lediglich 289 Personen mit Schweizer Staatsbürgerschaft, was einem Bevölkerungsanteil von 0,3% entspricht.  Werden außerdem die jährlichen Zuzüge von Schweizern aus der Schweiz nach Baden-Württemberg betrachtet, so bestätigt sich hier die Beliebtheit der grenznahen Kreise: Deutlich über die Hälfte (57%) entfällt im Jahr 2014 auf die unmittelbar an die Schweiz angrenzenden Kreise. Eine besonders hohe Konzentration ist im Landkreis Waldshut (25,9%) auszumachen, gefolgt vom Landkreis Lörrach (13,3%) und Konstanz (9,9%). Auf die zahlenmäßig relevanten Stadtkreise weiter im Hinterland mit den Zentren Freiburg, Heidelberg und Stuttgart entfallen noch knapp 16% der jährlich zugezogenen Schweizer.

Neben der räumlichen Verteilung spiegeln die statistischen Informationen – wenn auch bei quantitativ niedrigem Gewicht – einen generellen Anstieg der jährlichen Zuzüge von Schweizern in Baden-Württemberg (+34,5%) wider, insbesondere in den Landkreisen Waldshut (+205,7%), Lörrach (160,3%) und Breisgau-Hochschwarzwald (+78,2%). Scherer (2016) zufolge handelt es sich bei den zugezogenen Schweizern im Wesentlichen um a) Personen mit familiären Bindungen nach Deutschland, b) Schweizer Arbeitskräfte mit Beschäftigung in Schweizer Unternehmen mit Betriebsstätte in Deutschland und c) Pensionäre. 

Umgekehrt verzeichnet auch die Schweiz einen Anstieg der zugezogenen Deutschen, was nicht zuletzt auf die Einführung der Personenfreizügigkeit im Rahmen der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU zurückzuführen ist. So stieg ihre Zahl zwischen 2007 und 2012 um 25%; im Jahr 2012 lebten in der Nordwestschweiz 188.000 Deutsche, im Kanton Zürich 82.000 Deutsche.

Einkaufstourismus

Während die grenzüberschreitenden Verflechtungen im Bereich des Arbeitsmarkts und der Wohnmigration tendenziell eher auf der Mobilität deutscher Staatsbürger basieren, spielen die Schweizer eine große Rolle im Bereich des grenzüberschreitenden Einkaufstourismus. Aufgrund der Preisunterschiede, die sich im Zuge des Frankenhochs und der Euroschwäche in den vergangenen Jahren weiter zugespitzt haben, ist im Südbadener Raum verstärkt bei Schweizern die grenzüberschreitende Erledigung des Einkaufs zu beobachten. Davon profitiert vor allem der Handel in den Städten mit großen Einkaufszentren, in denen Schweizer oft am Wochenende anzutreffen sind. Im Jahr 2014 gaben Einkaufstouristen im deutschen Grenzraum fast 2,7 Mrd. CHF aus; Einzelhändler in einigen Städten am Hochrhein realisierten bis zu 70% des Umsatzes mit Kunden aus der Schweiz.

Der grenzüberschreitende Einkaufstourismus aus Deutschland in die Schweiz ist weitaus schwächer ausgeprägt, was sich vor allem an deutschen Feiertagen zeigt: Während Deutsche diese vor einigen Jahren gerne noch nutzten, um in der Schweiz vergleichsweise günstig Teigwaren, Kaffee oder Schokolade zu erwerben, gibt es diese sogenannten „Nudeltage“ heute nicht mehr.  Lediglich die noch attraktiven Spritpreise veranlassen Deutsche in die Eidgenossenschaft zu fahren.

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