Christian Wille / Rachel Reckinger (Hg.): Räume und Identitäten als soziale Praxis. (Special Issue), Europa Regional 21 (1-2), 2013 (2015), (92 S.).


mit Beiträgen von Tilo Felgenhauer, Georg Glasze, Laura Kajetzke, Julia Lossau, Nadine Marquardt, Rachel Reckinger, Verena Schreiber, Markus Schroer, Benno Werlen und Christian Wille

Inhaltsverzeichnis
zur Zeitschrift

Die an der sozialen Praxis orientierte Beschreibung und Analyse von Räumen und Identitäten ist unstrittig geworden. Die Beiträge des Themenhefts setzen sich mit dieser Schlüsselkategorie kritisch auseinander, sensibilisieren für praxistheoretische Implikationen und erschließen Ansatzpunkte der Konzeptionalisierung und Untersuchung von Raum- und Identitätskonstruktionen. Zu den Autoren zählen Wissenschaftler, die im Schnittfeld der Raumsoziologie und der Sozialgeographie arbeiten.

Räume und Identitäten als soziale Praxis download
Die Praxis des Verräumlichens download
Diskurs- und Hegemonietheorie download
Geographien der Macht download
Regionlität als Rationalität download
Spaces of the Border download
Städtische Raumkonstitution download
Praktiken der Welt-Bindung download

Aufbau und Inhalt

Laura Kajetzke und Markus Schroer geben in diesem Heft einleitend einen Überblick zum Feld der Praxistheorien und stellen dort zu verortende neomarxistische, strukturierungstheoretische, poststrukturalistische und netzwerktheoretische Ansätze vor. Die Gesamtschau der Ansätze in ihrem Beitrag „Die Praxis des Verräumlichens: Eine soziologische Perspektive“ fokussiert auf das Verhältnis von Praxis und Raum und legt seine Prozesshaftigkeit offen, weshalb die Soziologen die Rede von der „Praxis des Verräumlichens“ stark machen. Für die Untersuchung verräumlichender und verräumlichter Praxis gelte es das methodische Instrumentarium weiter zu entwickeln, um sichtbare und nicht-sichtbare Materialitäten im Allgemeinen und dieselben „in Bewegung“ im Besonderen zu erfassen. Kajetzke u. Schroer entwickeln außerdem den Begriff des „identitären Agnostizismus“ als eine generelle Untersuchungseinstellung, die die Frage nach Raum- und Identitätskonstruktion als eine empirisch zu bestimmende behandelt und Identitäten als Effekte von Verräumlichungen versteht.

Die darauffolgenden drei Beiträge betonen die politische Dimension von Räumen und Identitäten und befassen sich aus theoretisch-konzeptioneller und methodischer Sicht mit Diskurs-Praktiken. Dabei gibt Georg Glasze in seinem Beitrag „Identitäten und Räume als politisch: Die Perspektive der Diskurs- und Hegemonietheorie“ zunächst einen chronologischen Abriss über verschiedene Begriffe von ‚Raum’ und ‚Identität’ und entwickelt die in diesem Heft zentrale Position, Räume und Identitäten als gesellschaftlich hergestellte und damit stets als „umstritten, veränderbar und in diesem Sinne politisch“ aufzufassen. In Anknüpfung an die Diskurs- und Hegemonietheorie nach Laclau und Mouffe, die soziale Wirklichkeit – und damit Räume und Identitäten – als ein Effekt der regelmäßigen Verknüpfung von Elementen und der temporären Fixierung ihrer Relationen verstehen, fragt Glasze weiter nach der empirischen Operationalisierbarkeit von Raum- und Identitätskonstruktionen. Genauer und mit Beispielen betrachtet werden sprachliche Praktiken als regelmäßige Verknüpfungen lexikalischer Elemente, die über Verfahren der linguistischen Diskursforschung untersucht werden können. Daneben nimmt der Geograph Verknüpfungen von nicht-sprachlichen Praktiken und ihrer sozio-technischen Materialisierungen in den Blick und schlägt ethnographische Zugänge sowie Ansätze des material und performative turn vor. Abschließend macht Glasze auf die Herausforderung aufmerksam, die Verknüpfung von nicht-sprachlichen Praktiken und sozio-technischen Assemblagen zu untersuchen ohne die politische Dimension aus dem Blick zu verlieren.

Diese Überlegung führen Nadine Marquardt und Verena Schreiber in ihrem Beitrag „Geographien der Macht. Für einen integrierten Blick auf Raumproduktionen mit Foucault“ weiter und zeigen Wege, wie Diskursives und Nicht-Diskursives zusammengedacht und Raumproduktionen genuin politisch betrachtet werden können. Dafür stellen die Geographinnen zentrale Begriffe der Foucaultschen Diskurs- und Machtanalytik vor und arbeiten ihren Nutzen für die räumliche Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse heraus. Im Zentrum stehen hier verräumlichende Anordnungs- und Interventionspraktiken, die für die Untersuchung von Macht-Wissen-Komplexen und – den ihnen eingelagerten bzw. den von ihnen ausgehenden – Machtverhältnissen von Bedeutung sind. Mit Beispielen machen Marquardt u. Schreiber deutlich, dass Foucaults Theorie- und Begriffsinstrumentarium nicht nur für die Untersuchung von räumlichem Wissen herangezogen werden kann, sondern weit darüber hinaus zur Untersuchung von raumemergenten Praktiken im Schnittfeld von Körper, Materialität, Macht und Wissen.

Der Begriff des Wissens spielt weiter im Beitrag von Tilo Felgenhauer mit dem Titel „Regionalität als Rationalität. Die argumentative Konstruktion von Regionen“ eine Rolle, und zwar als raumbezogenes Weltwissen, das in der performativen Praktik des Argumentierens offenbar wird. Der Autor schlägt mit Toulmin ein heuristisches Modell vor, das Alltagsargumente und das darin eingelassene implizite Raumwissen aufschlüsselt und somit Zugriff erlaubt auf sprachlich verankerte Raum- und Identitätskonstruktionen. Anhand empirischer Beispiele zeigt Felgenhauer Raumlogiken und unterschwellige Verräumlichungen auf, die zumeist nicht primärer Gegenstand von Argumentationen sind, sondern die als implizite Setzungen Argumente untermauern. Im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit und Reichweite wird die Argumentationsanalyse abschließend kritisch-produktiv diskutiert, wobei u.a. die Inkonsistenz des Argumentierens und die Fokussierung auf sprachliche Daten zu Lasten von Daten über die Sprechersituation, physisch-materiale Arrangements oder Machtverhältnisse thematisiert werden.

Die beiden folgenden Beiträge widmen sich vor allem nicht-sprachlichen Praktiken und versuchen alltagskulturelle Prozesse der Raum- und Identitätskonstruktionen analytisch zugänglich zu machen und empirisch zu rekonstruieren. Christian Wille untersucht in seinem Beitrag „Spaces of the Border – a Practical-theoretical Cultural Studies Perspective in Border Studies“ wie praxistheoretische mit raumtheoretischen Überlegungen verschnitten und in eine Heuristik der kulturwissenschaftlichen Raumanalyse überführt werden können. Unter Rückgriff auf verschiedene Raumbegriffe entwickelt der Kulturwissenschaftler zunächst ein handlungstheoretisches Verständnis von Raum und reformuliert dieses praxistheoretisch. Es bildet den Ausgangspunkt für das Modell Räume der Grenze mit seinen analytischen Kategorien soziale Praktiken, praktisches Wissen sowie physisch-materiale und sozial-strukturelle Aspekte. Besonders ihre vielfältigen Verknüpfungen untereinander erweisen sich von heuristischem Nutzen für die Untersuchungen von alltagskulturellen Raumkonstruktionen im Allgemeinen und in grenzüberschreitenden Bezügen im Besonderen.

Im Beitrag „The Art of Place-Making: Städtische Raumkonstitution als soziale Praxis“ rekonstruiert Julia Lossau Raum- und Identitätsproduktionen auf Subjektebene am Beispiel von Kunst im öffentlichen Raum. Soziale Praktiken werden hier mit De Certeau verstanden als ein Gebrauch von und ein Operieren mit etwas und aufgeschlüsselt in vier analytische Dimensionen. Die Fallstudie präsentiert einen an praxistheoretischen Überlegungen orientierten Zugang zu Fragen der Stadtentwicklung, der sich vor allem der alltagskulturellen Produktionen von Stadtraum zuwendet.

Die in den vorangegangenen Beiträgen behandelte Frage nach der praxisorientierten Untersuchung von Räumen und Identitäten wird abschließend von Benno Werlen aufgegriffen und in seinem Beitrag „Praktiken der Weltbindung. Gesellschaftliche Raumverhältnisse als trans-disziplinäres Forschungsfeld“ programmatisch reformuliert. Der Geograph plädiert darin für die stärkere Zusammenführung der Untersuchungsgegenstände der gesellschaftlichen Verhältnisse und räumlichen Strukturen zu einem für die Geographie sowie Sozial- und Kulturwissenschaften gemeinsamen Forschungsfeld der gesellschaftlichen Raumverhältnisse. Für diese konstitutiv ist der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und räumlichen Strukturen, der diachron in verschiedenen Formierungen zum Ausdruck kommt und einen Ausgangspunkt bildet für das transdisziplinäre Projekt.

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