Grenzgänger und Räume der Grenze – der Titel Ihres neuen Buches hört sich schrecklich verkopft an. Was war Ihr Anliegen, Herr Wille?

Wissenschaftler wählen in der Tat manchmal etwas abschreckende Titel für ihre Arbeiten. Aber wenn man sich damit beschäftigt, wird schnell klar, worum es geht. In meinem Fall ging es um die Grenzgänger, die für die Menschen in Luxemburg und in der Großregion selbstverständlich sind. Als Sozial- und Kulturwissenschaftler habe ich aber eine ungewöhnliche Perspektive gewählt: Ich habe mich weniger für die Pendler als Arbeitsmarktvariablen interessiert, sondern für die Grenzgänger in ihrem Alltag. Wichtig war dabei die Überlegung, dass durch das tägliche Pendeln Lebenswelten entstehen, die irgendwo zwischen den Ländern um die Grenze herum liegen. Diese grenzüberschreitenden Lebenswelten nenne ich in dem Buch „Räume der Grenze“. Und mein Anliegen war es, diese Räume näher zu beschreiben, was nur gelingt, wenn man den Alltag der Pendler untersucht.

Sie haben sehr praktisch gearbeitet und dem Alltag der 156.000 Grenzgänger hier im Land ein Gesicht gegeben. Wie sieht denn Europa im gelebten Alltag aus?

Luxemburg und die Großregion bieten für einen Wissenschaftler ausgezeichnete Bedingungen, wenn man sich mit Grenzraumfragen befasst. Vor allem, was grenzüberschreitende Arbeitsnehmermobilität angeht. In der Großregion fahren etwa 213.000 Grenzgänger täglich über eine Grenze, die meisten kommen ins Großherzogtum. Zu ihrem Alltag gehören lange Anfahrtswege, Wartezeiten im Stau und für Familie und Partner bleibt oft nur wenig Zeit. Das heißt, Grenzgänger müssen sich gut organisieren und das gelingt ihnen auch. Denn viele Grenzgänger arbeiten schon seit vielen Jahren in Luxemburg und die meisten wollen auch noch so lange wie möglich hier arbeiten. Trotz der engen Taktung sehen viele Pendler aber auch Vorteile in der Grenzgängerbeschäftigung, wie zum Beispiel berufliche Chancen oder eine höhere Lebensqualität durch den besseren Verdienst oder einfach dadurch, dass das Leben interessanter wird. Vor allem junge Menschen sagen, dass die Erfahrung im Ausland zu arbeiten ihr Leben bereichert. Dennoch ist nicht zu unterschlagen, dass eine Reihe an rechtlich-administrativen Problemen noch immer nicht abgebaut sind oder dass wieder neue hinzukommen. Das zeigt zum Beispiel die jüngste Debatte um die Studienbeihilfen für Kinder von Grenzgängern.

Christian Wille: Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux. (Luxemburg-Studien/Études luxembourgeoises, Bd. 1), Frankfurt/M., Peter Lang, 2012. mehr Info

Sie beschreiben Klischees, die auf beiden Seiten gepflegt werden. Eines davon heißt, Grenzgänger arbeiten nur wegen des Geldes hier und integrieren sich nicht. Stimmt das?

Klischees sind sehr nützlich, aber in der Tat sollten sie hinterfragt werden. Dass die Gehälter im Großherzogtum eine große Rolle spielen, braucht nicht diskutiert werden. Genauso wichtig ist aber für viele Grenzgänger, überhaupt einen Arbeitsplatz zu besitzen, ihrer Qualifikation entsprechend zu arbeiten oder berufliche Entwicklungsmöglichkeiten zu nutzen, die es in Lothringen, Wallonien oder in Rheinland-Pfalz oft nicht gibt. Ich habe auch Grenzgänger kennengelernt, die sagen, nur wegen der Sprachen und des internationalen Flairs nach Luxemburg zu kommen. Daran sieht man, dass man bei Klischees genau hinschauen muss. Genauso ist es bei der verbreiteten Auffassung, Grenzgänger würden nach dem Job gleich wieder nach Hause fahren. Nach Feierabend kaufen die Pendler durchaus auch in Luxemburg ein, Kino- und Restaurantbesuche stehen auch auf dem Programm und Freundschaften zwischen Luxemburgern und Grenzgängern, meistens zwischen Kollegen, sind auch nicht selten. Festzustellen ist aber, dass es vor allem jüngere Grenzgänger ohne Familie sind, die am Abend noch mit Kollegen ein Feierabendbier trinken oder das kulturelle Angebot nutzen. Mich überrascht dieses Ergebnis nicht, denn fragen Sie auch mal in Luxemburg einen Familienvater, wie oft er in der Arbeitswoche am Abend ausgeht.

Sprachliche Barrieren scheinen von den wenigsten Grenzgängern als solche empfunden zu werden. Trotzdem hat die für Luxemburg typische Sprachenvielfalt auch Nachteile. Welche?

Die Mehrsprachigkeit in Luxemburg wird von den meisten Grenzgängern geschätzt. Eine pauschale Aussage über die Verständigung am Arbeitsplatz ist aber schwierig, da hier die Branche, die Unternehmenssprache, die Kollegen oder auch der Kundenkontakt eine Rolle spielen. Es ist allerdings festzustellen, dass das Sprechen in einer Fremdsprache mehr Konzentration erfordert, aber als bereichernd wahrgenommen wird. Grenzgänger berichten auch, dass sie sich im Job manchmal einfacher ausdrücken müssen, es zu Informationsverlust kommen kann und Kollegen ausgegrenzt werden. Von dieser letzten Spielart der Mehrsprachigkeit wird zwar seltener berichtet, aber von den Unternehmen sollte sie ernst genommen werden. Einen tatsächlichen Nachteil haben Grenzgänger gegenüber Luxemburgern, wenn sie im öffentlichen Dienst arbeiten wollen. Für viele sind die sprachlichen Aufnahmetests eine unüberwindbare Hürde, da die wenigsten die geforderten Sprachen ausreichend beherrschen. Die Mehrsprachigkeit wirkt dann wie eine gläserne Decke, die die Grenzgänger hindert in diesen Bereich des Arbeitsmarkts vorzudringen. Fairerweise ist aber zu sagen, dass auch nicht alle Luxemburger Luxemburgisch, Französisch und Deutsch auf hohem Niveau beherrschen.

Sie haben die Grenzgänger gefragt, was für sie ein grenzgängerfreundlicher Arbeitgeber ausmacht. Wie sieht der aus?

Das ist besonders für die Unternehmen in Luxemburg eine interessante Frage, denn sie hilft die Bedürfnisse von Grenzgängern zu verstehen. Aus Sicht der Pendler sollte der Unternehmensstandort eine gute Verkehrsanbindung haben und die Arbeitszeiten sollten einen Spielraum für Unvorhergesehenes ermöglichen. Es geht den Grenzgänger also darum, die Zeit für die zum Teil sehr weite Anfahrt zu verkürzen und bei Staus oder Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr ihren Tagesablauf flexibel zu gestalten. Außerdem wünschen die Pendler, dass wichtige Job-Dokumente, wie zum Beispiel der Arbeitsvertrag, Arbeitsschutzbestimmungen oder allgemeine Mitteilungen, in mehreren Sprachen verfügbar sind und dass es möglich ist, mit dem Vorgesetzten in der eigenen Muttersprache zu sprechen. Genauso wichtig ist es für die Grenzgänger genauso behandelt zu werden wie andere Arbeitnehmergruppen auch. Von konkreten Fällen der Ungleichbehandlung wurden mir zwar nicht berichtet, aber ich habe den Eindruck, dass sehr genau und auch kritisch hingeschaut wird, wenn Chefsessel neu besetzt werden. Grenzgänger möchten dann die gleichen Chancen haben wie Luxemburger.

Biographische Notiz

Christian Wille (Dr.) ist Sozial- und Kulturwissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher  Projektkoordinator an der Universität Luxemburg. Er hat in Luxemburg und Saarbrücken promoviert und an den Universitäten Saarbrücken, Lothringens und Luxemburg gelehrt. Seine Arbeitsgebiete sind Grenzraumstudien und kulturwissenschaftliche Raumforschung mit Schwerpunkt Großregion.

Das Interview führte die Journalistin Wiebke Trapp und ist erschienen im Tageblatt vom 09.12.2013 und im Trierischen Volksfreund vom 24.01.2014.

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