Frau Wiegmann, in ihrem Sammelband verstehen sie Luxemburg als interkulturelles Labor. Heißt das, im Großherzogtum wird experimentiert?

In gewisser Hinsicht ja. Jedoch nicht im umgangssprachlichen Sinne eines unsystematischen Herumprobierens. Vielmehr gehen wir davon aus, dass das Großherzogtum aufgrund seiner kulturellen, sozialen und sprachlichen Besonderheiten ein Labor für interkulturelle Herausforderungen und Entwicklungen darstellt. Luxemburg ist insofern ein Experimentierfeld, als hier neue, auch auf andere Kontexte übertragbare Formen des Zusammenlebens entstehen, die generell für soziokulturelle Veränderungsprozesse im Kontext von Mobilität und Migration stehen – und als solche untersucht werden können.

Die zehn Autoren behandeln ein breites Themenspektrum, jeweils unter interkulturellem Vorzeichen. Wie hat sich das Autorenkollektiv gefunden?

Die Autoren haben alle eine Verbindung zur Universität Luxemburg und zum dortigen Institut für deutsche Sprache, Literatur und für Interkulturalität. Als „enhanced environment“ weist es gewissermaßen selbst eine spezifische Laborqualität auf, die sich grundsätzlich produktiv auf die Entwicklung neuer Forschungsideen auswirkt. In diesem Sinne versteht sich der vorliegende Band nicht nur als Beitrag zu Fragen der Interkulturalität in Luxemburg, sondern auch als Spiegel einer interkulturellen Wissenschaftskompetenz, die sich im Luxemburger Kontext entwickeln konnte. Dieser ist so gesehen ein ‚Motor‘ der Interkulturalitätsforschung.

Eva Wiegmann (Hg.): Interkulturelles Labor. Luxemburg im Spannungsfeld von Integration und Diversifikation, (Études luxembourgeoises / Luxemburg-Studien, Bd. 11). Frankfurt/M., Peter Lang, 2016, 226 Seiten, kart., ISBN: 978-3631674925, 45,95 €.

Interkulturalität wird oft mit der Vorstellung eines harmonischen und geglückten Miteinanders verbunden. Bestätigt sich diese Vorstellung in den Buchbeiträgen?

Interkulturalität ist nicht reduzierbar auf das Ideal eines harmonischen Miteinanders. Vielmehr müssen auch ein potentielles Scheitern des interkulturellen Dialogs und mögliche Konfliktpotentiale einbezogen werden. Insofern konturieren die Buchbeiträge Luxemburg nicht als eine ‚Insel der Glückseligen‘. Sie tragen vielmehr der vielschichtigen Dynamik interkultureller Prozesse Rechnung, wobei gerade die zutage tretenden Ambivalenzen und gesellschaftlichen Divergenzmuster spannend sind – und letzthin die Eignung Luxemburg zum interkulturellen Labor betätigen.

Ihre Koautoren beschäftigen sich neben Theater und Medien mit Literatur, Sprachenlernen bis hin zum Reisen. Welche Ergebnisse haben sie besonders überrascht?

Die Vielfältigkeit und doch durchgängige Ambivalenz interkultureller Prozessmuster haben mich überrascht – nicht nur in den gegenwartsanalytischen, sondern auch in den historisch ausgerichteten Beiträgen. Eine paradigmatische Festschreibung von Interkulturalität findet sich in keinem der Beiträge: Interkulturalität zeigt sich vielmehr als andauernder Prozess und als ständige Herausforderung, die soziokulturelle Transformationsprozesse in Gang hält.

Der Band schließt mit einem unkonventionellen Text, den die Autoren gemeinsam verfasst haben. Hat sich das besondere Beitragsformat als produktiv erwiesen?

Ja. Die experimentelle Vernetzung von objektiv-theoretischen und subjektiv-empirischen Perspektiven ermöglicht es nicht nur, kulturelle und interkulturelle Prozesse adäquater zu beschreiben. Hierdurch entfaltet sich auch das kritische Potential der Interkulturalitätsforschung: Ein Potential, das Verwerfungen zwischen unterschiedlichen Kulturkonzepten und -begriffen sichtbar macht, die sich nicht nur in Theoriebildungen, sondern auch in den verschiedenen Institutionalisierungsformen von Kultur zeigen. Der Gemeinschaftsbeitrag am Ende des Bandes verdeutlicht, dass hier noch Revisionsbedarf besteht, da bspw. die Identitätsfrage – im Spannungsfeld von individueller, kultureller und nationaler Wesensbestimmung – auf politisch-administrativer Ebene noch ungelöst bleibt.

Biographische Notiz

Dr. phil. Eva Wiegmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache, Literatur und für Interkulturalität an der Universität Luxemburg. Promotion an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; anschließend FNR und Marie-Curie-Actions Stipendiatin an der Universität Luxemburg.

Kontakt

eva.wiegmann at uni.lu

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