Herr Duchêne-Lacroix, Sie haben mit Pascal Maeder einen Band über multilokale Lebenswelten veröffentlicht. Was fasziniert Sie an dem Thema?

Die europäischen Gesellschaften wurden von Mobilität geradezu verhext. Man vergisst dabei, dass die Mobilität stets mit der gebauten Umwelt, Infrastruktur, Wirtschaftssituation, Sozialstruktur und mit biologischen, sozialen sowie saisonalen Rhythmen verbunden ist. Vor diesem Hintergrund ist multilokales Denken ein Paradigmenwechsel.

Die Autoren des Bands beleuchten multilokale Lebenswelten aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven. Welchen Mehrwert sehen Sie darin im Vergleich zu konventionellen Ansätzen?

Wir haben für den Band den allgemeinen Begriff „multilokale Lebenswelten“ dezidiert übernommen und nicht „multilokales Wohnen“, „plurilokale Residenzialität“ oder „residenzielles System“ – weil wir eben eine breite interdisziplinäre Diskussion haben wollten. HistorikerInnen, SoziologInnen oder AnthropologInnen sprechen ja selten miteinander. Unsere Thematik war aber eine ideale Gelegenheit dafür. Der Austausch von verschiedenen disziplinären Perspektiven ist in der aktuellen Entwicklungsphase der „multilocal studies“ sehr gewinnbringend, denn so können wir mittelfristig ein theoretisch-konzeptionelles Fundament ausarbeiten und ein gemeinsames Begriffsinstrumentarium entwickeln. Und noch etwas: Wir wollten in unserem Band nicht nur multilokale Lebenswelten deskriptiv beleuchten, sondern auch die Lebensbedingungen der Betroffenen. Das heißt, wir wollten auch untersuchen, ob die Menschen  unter gelebter Multilokalität leiden – oder umgekehrt, ob sie daraus gewisse Handlungskompetenzen ziehen.

Duchêne-Lacroix, Cédric / Maeder, Pascal (Hg.): Hier und dort. Ressourcen und Verwundbarkeiten in multilokalen Lebenswelten / Ici et là. Ressources et vulnérabilités dans la vie multilocale. Beiheft zu Itinera – Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte, Heft 34, 2013, ISBN 978-3-7965-2948-1.

In dem zweisprachigen Band werden ganz unterschiedliche Aspekte und Formen von Multilokalität besprochen. Können Sie einen kurzen Überblick geben?

Es ist ein Paradox der „multilocal studies“: die Konzepte sind noch nicht sehr bekannt, obwohl viele Menschen das Phänomen der Multilokalität in ihrer Lebenswelt kennen und erleben. Pascal Maeder und ich haben besonders viel Zeit in eine analytische Einleitung des Bands investiert, um die Verbindungslinien zwischen den Artikeln deutlich zu machen. Wir sehen zum Beispiel, wie Menschen mit oder aufgrund der Sozialgesetzgebung multilokal handeln oder welche Auswirkungen Multilokalität auf physischer und psychischer Ebene haben kann. Konkrete Beispiele dafür sind etwa Kaffeehändler oder die Aristokratie in der Vergangenheit. Heute zählen etwa Beschäftigte in der Tourismusbranche oder grenzüberschreitende Arbeitnehmer dazu, also die sogenannten Frontaliers oder Ruhesitzwanderer, die teils in der Sonne im Süden Europas, teils im kalten Norden leben.

Sozial- und Kulturwissenschaftler aus unterschiedlichen Ländern kommen in dem Band zu Wort. Wie konnten Sie die Kollegen für das Buchprojekt begeistern?

Multilokalität ist ein grenzüberschreitend angelegtes Thema und nicht nur auf ein Land begrenzt. So haben in unserem Band zum Beispiel viele WissenschaftlerInnen aus dem Bereich der transnationalen Migration das Thema diskutiert. Es war also nicht schwierig ein internationales Panel an AutorenInnen für das Buchprojekt zu gewinnen.

Werden sich auch zukünftige Projekte um Multilokalität drehen oder werden Sie sich gänzlich neuen Fragestellungen zuwenden?

Ja, das Thema bleibt faszinierend und auch wichtig für gesellschaftliche Fragen, wie zum Beispiel für den Familienalltag, Serviceleistungen, Raumplanung usw. Meine KollegInnen Nicola Hilti, Helmut Schad und ich analysieren gerade unter der Schirmherrschaft von Margrit Hugentobler von der ETH-Zürich die ersten Befragungsergebnisse unserer quantitativen und qualitativen Untersuchung über multilokales Wohnen in der Schweiz. Außerdem sind viele Publikationen und Veranstaltungen geplant oder werden gerade vorbereitet. Auch in der Lehre an der Universität ist Multilokalität ein großes Thema. In jedem Jahr biete ich ein soziologisches Seminar zum Themenkomplex Mobilität, Wohnen und Familienalltag an. Multilokalität ist ein insgesamt sehr präsentes Thema und es ist auch bei den Studierenden sehr beliebt – vielleicht, weil es ihr eigenes Leben zwischen dem familiären zu Hause und der studentischen Wohngemeinschaft betrifft.

Biographische Notiz

Cédric Duchêne-Lacroix (Dr.) ist seit 2007 Forscher an der Universität Basel. Er ist mit Nicola Hilti und Helmut Schad Co-Investigator des Projekts „Multilokales Wohnen in der Schweiz“ (gefördert vom Schweizer National Fonds). Er hat zahlreiche Arbeiten zu Multilokalität, Räumlichkeit und Migration publiziert und mehrfach selbst multilokal gewohnt.

Pascal Maeder (Dr.) ist seit 2007 Assistent im Departement Geschichte der Universität Basel. Er forscht und publiziert zu Migration, Mobilität, Arbeit und Stadtentwicklung. Ab Januar 2014 wird er als wissenschaftlicher Projektleiter im Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES an der Universität Lausanne tätig sein.

Kontakt

c.duchene(at)unibas.ch und Blog
pascal.maeder(at)unibas.ch

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