KWG-Sektion „Kulturwissenschaftliche Border Studies“

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Grenzen steht derzeit vor großen Herausforderungen, was eine enorme Dynamisierung der Border Studies bewirkt. Diese verstehen sich als Arbeitsfeld im Schnittpunkt von verschiedenen Disziplinen der ‚Humanities’, das sich rasch als übergreifendes Feld entwickelte und sich generell mit Phänomenen von Alterität, Identität und Differenz beschäftigt. Aufgrund ihres multidisziplinären Charakters sind die Border Studies auf keinen typischen Gegenstandsbereich verengt, ebenso wenig gründen sie auf einen etablierten Kanon von Theorien und Konzepten. Vielmehr führen sie unterschiedliche theoretische Perspektiven der ‚Humanities‘ produktiv zusammen und bieten Raum für wissenschaftliche Innovation.

Spätestens seit den 2000er Jahren ist eine fortschreitende Ausdifferenzierung der Border Studies zu beobachten, die die starke Position der Raumwissenschaften zugunsten kulturwissenschaftlicher Perspektiven relativiert. Die kulturwissenschaftlich ausgerichteten Border Studies analysieren Grenzräume kritisch und betrachten Grenzen dabei sowohl synchron wie diachron als Ergebnisse von komplexen räumlichen, zeitlichen, sozialen und kulturellen Prozessen, die nicht statisch, sondern dynamisch und veränderbar sind. Es vollzieht sich somit eine Blickverschiebung von der Grenze als ontologischer Gegenstand hin zu den für sie konstitutiven Praktiken, Diskursen und Materialitäten. Diese Ausrichtung ermöglicht es, Grenzen in ihren sozialen (Re-)Produktionsprozessen zu untersuchen und bietet nicht nur zahlreiche Anschlüsse für kulturwissenschaftliche Zugänge, sondern fordert diese geradezu ein.

Zielsetzungen

Vor diesem Hintergrund verfolgt die Sektion „Kulturwissenschaftliche Border Studies“ eine doppelte Zielsetzung: In (a) wissenschaftspolitischer Hinsicht dient die Sektion zur Vernetzung und Formierung von kulturwissenschaftlich orientierten Grenz(raum)forschenden, zur erhöhten Sichtbarkeit ihrer Arbeiten sowie zur Stärkung kulturwissenschaftlicher Perspektiven in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen. In (b) wissenschaftlicher Hinsicht kommt der Sektion die Funktion eines Labors zu, in dem kulturwissenschaftlich orientierte Grenz(raum)forschende theoretisch-konzeptionelle Entwicklungen diskutieren, etablierte Ansätze auf den Prüfstand stellen sowie das eigene Begriffs- und Analyseinstrumentarium weiterentwickeln.

Inhalte

Im Zuge der weitgehend etablierten ‚Dezentrierung der Grenze‘ zugunsten der Untersuchung der für sie konstitutiven Prozesse sind in den Border Studies Konzepte entstanden, die versuchen, Demarkationsprozesse möglichst weitgreifend zu erfassen. Sie berücksichtigen Praktiken/Diskurse z.B. unter räumlichen, materialen, sozialen oder diachronen Gesichtspunkten mit dem Ziel, die Verflechtungen und wechselseitigen Durchdringungen von relevanten Aspekten der Grenze in ihrer Dynamik aufzuschlüsseln. Die Sektion begreift solche ‚Gemengelagen von Aspekten‘ als ein aus Praktiken/Diskursen/Materialien konfiguriertes Gefüge sich kreuzender ‚Fäden‘ mit Referenzen in Politik, Recht, Wirtschaft, Gender, Sexualität, Ethnizität etc. und fragt, wie solche Bordertexturen analytisch aufgefächert und untersucht werden können.

Die Sektionsmitglieder konzentrieren sich in ihren Arbeiten auf vier komplementäre Gegenstandsbereiche kulturwissenschaftlicher Grenz(raum)forschung:

Literatur & Populärkultur
Medien & politische Diskurse
alltagskulturelle Praxisformationen & Sprachkontakt
Mobilität & Migration

Mit diesen Arbeitsschwerpunkten ist die Sektion anschlussfähig für unterschiedliche kulturwissenschaftlich orientierte Disziplinen und leistet sowohl auf der Ebene der Theoretisierung von Grenz(raum)fragen als auch auf empirischer Ebene der Analysebeispiele einen wichtigen Beitrag für die Weiterentwicklung und Sichtbarkeit der kulturwissenschaftlichen Border Studies.

Funktionsweise

Die Sektion im Rahmen der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft versteht sich nicht als ein exklusiver Zirkel von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen und bestimmter Universitäten, sondern als Kerngruppe einer hinreichend offenen und für kulturwissenschaftlich orientierte Disziplinen anschlussfähigen Plattform. Alle Sektionsmitglieder beteiligen sich an der Bearbeitung der Arbeitsschwerpunkte, wofür sie sich mindestens einmal pro Jahr an einer der beteiligten Universitäten und darüber hinaus im Rahmen von thematisch fokussierten Workshops treffen.

Die Arbeitsergebnisse werden auf gemeinsamen Panels auf Konferenzen, in gemeinsamen Veröffentlichungen sowie in geeigneten Foren der beteiligten Partnereinrichtungen vorgestellt und diskutiert.

Zu den Gründungsmitgliedern der Sektion zählen WissenschaftlerInnen der Universität des Saarlandes, der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder und der Universität Luxemburg.

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